zurück


23.09.2008 - von Micha

«Krieg» um Lapplands Stromschnellen - Letzte freie Gewässer von Energiekonzernen bedroht

Lapplands Wildnis: Kiefer- und Fichtenwälder, Moore mit blühenden Gräsern und sandige Steilufer sind von der Überflutung bedroht. Von Renate Nimtz-Köster, dpa. 
Wenn die Finnen sich selber beschreiben, fällt unweigerlich das Wort «Sisu». Der Begriff steht für mehrere Eigenschaften, die den Nordländern zu eigen und wichtig sind: Ausdauer, Kampfgeist, Geduld, aber auch Beharrlichkeit, die bis zur Sturheit geht. Pekka Kaukko, 42, ist ein wahres Musterbeispiel für «Sisu». Der Elektronikingenieur aus dem Nordosten Lapplands kämpft seit 1983 gegen die Zerstörung seiner Heimat, die am Iijoki liegt, einem malerischen Strom mit Hunderten von Stromschnellen.      Am Unterlauf, zur Mündung in den Bottnischen Meerbusen hin, sind die Strudel bereits für Kraftwerke verbaut und eingedämmt, Stauseen haben die Ufer ertränkt. Der Oberlauf mit 20 Nebenarmen bahnt sich seinen Weg von der Quelle noch ungezähmt durch  säumen die Ufer. Mit dieser nordischen Idylle könnte es bald zu Ende gehen, fürchten Pekka und seine rund 200 Mitstreiter, die sich nachts zum Protestrudern versammelt haben. Wälder, Inseln und Auen könnten dem Bau eines Kraftwerks zum Opfer fallen, mitsamt den Weidegründen für Rentiere, mit Gehöften und Brutplätzen für geschützte Vögel.     

Mit Kajaks, Kanus und den traditionellen Holzbooten starten die Widerständler deshalb, unweit des Städtchens Kollaja, zur einwöchigen Demo auf dem Fluss: «Nicht aufgeben», steht auf den gelben Wimpeln, die neben der weißblauen finnischen Fahne an den Booten flattern. Der Lachs ist das Symboltier auf den Abzeichen der Ruderer und Paddler: Der begehrte Wanderfisch, einst Lebensgrundlage der Menschen an Finnlands großen Flüssen, ist längst aus den gebändigten finnischen Strömen verschwunden, die Wasserkraftwerke haben ihm schon überall den Weg versperrt ­ eine Ausnahme ist der Torni, der gemeinsame Grenzfluss zwischen Schweden und Finnland, an dem Streitigkeiten der beiden Länder den Bau von Staudämmen verhindert haben.     

Auch bei Kollaja, am noch freien Oberlauf des Iijoki, will nun der finnische Energiekonzern Pohjolan Voima (PVO) das Wasser für ein weiteres Kraftwerk aufstauen, ein riesiges Reservoir soll die Region überschwemmen ­ trotz eines Gesetzes zum Schutz der Stromschnellen, das die Regierung in Helsinki 1983 erließ: Die restlichen, noch nicht genutzten Abschnitte sollten dem Zugriff der Energiekonzerne entzogen und die ursprüngliche Wasserlandschaft erhalten werden. Damals atmeten die Leute vom Iijoki, aber auch anderen Flüssen, auf.      Auch am Kemijoki, der Schlagader des Landes und Finnlands mächtigstem Fluss, hatten sich Bürger bereits jahrelang aus Protest gegen weitere Verbauung zum sommerlichen Rudern getroffen. Nach der Entwarnung blieb die Tradition dennoch bestehen, denn immer wieder wurden in Helsinki alte Pläne für einen Riesen-Stausee auch am Vuotos, einem Nebenfluss des Kemi, hervorgeholt. Wechselnde Positionen der Regierung und stetige Repressalien der zu vier Fünftel staatlichen Kraftwerksgesellschaft Kemijoki AG machten den Vuotos zum Reizwort für ganz Finnland, das Projekt wurde sogar zum «nationalen Trauma» wie einmal die Zeitung «Huvudstadsbladet» schrieb.     

Das Lappland-Epos nahm schließlich sogar europäische Dimensionen an: Die Schmutzfrachten, die sich nach der Überflutung des moorigen Untergrunds aus der Mündung des Kemijoki in die Ostsee ergossen hätten, riefen im Jahre 2000 die Schweden auf den Plan. Sie bangten um ihre Küstengewässer und drohten Finnland für den Fall des Staudammbaus als Umweltsünder zu verklagen. Inzwischen schien hier und dort Ruhe eingekehrt, das sommerliche Rudertreffen, zu dem sich Bauern, Professoren, Naturschützer und Parlamentsabgeordnete treffen, wurde als fröhliches Fest begangen.     

Nun jedoch haben Konzern und Regierung die naturliebenden Bürger wieder aufgeschreckt: Mit Rückendeckung der amtierenden Regierung will PVO das legale Hindernis beseitigen. Vor allem Industrieminister Mauri Pekkarinen von der Zentrumspartei, eifriger Verfechter auch des Ausbaus der Atomenergie, votiert für mehr Wasserkraft und damit fürs Kippen des Schutzgesetzes ­ obwohl die Ausbeute hier, am Iijoki, wie auch am Kemijoki, minimal wäre: Nur 28 Megawatt, 0,05 Prozent von Finnlands Strombedarf, würde das neue, sechste Kraftwerk bei Kollaja liefern, schon wenige moderne Windräder könnten diese Menge leicht liefern.   

Ganze 37 Megawatt Leistung sollte, mit einem Staubecken halb so groß wie der Bodensee, das Kraftwerk am Kemijoki erbringen. Mit zusätzlichem Bedarf für Spitzenzeiten in bitterkalten Wintern, wenn die Finnen sämtliche Elektrosaunen anwerfen, wird der geplante Ausbau begründet. Doch die gelegentlich gebrauchte Extra-Energie ließe sich auch aus Schweden dazukaufen, argumentieren Gegner wie Ingenieur Pekka Kaukko. Dem Konzern und Pekkarinens regierender Zentrumspartei «geht es gar nicht um dies bisschen Energie», sagt Pekka: «Die wollen nur grundsätzlich und für alle Fälle den Zugriff.»     

Für die Politiker sei es in Zeiten der Klimaveränderung leicht, die teure Nutzung der Wasserkraft zu forcieren, beklagt die sozialdemokratische Parlamentarierin Liisa Jaakonsaari, ehemals Arbeitsministerin und langjährige Mitstreiterin am Iijoki. Der Ertrag sei «so winzig», viel sinnvoller sei es, mit Hilfe von EU-Geldern Projekte zur Verbesserung der Fischerei am voranzubringen.     

Die Fischereibiologin Pirrko-Liisa, die gerade nach aufwendigen Vorbereitungen mit sämtlichen Kommunen am Fluss dabei ist, Lachsnachwuchs aus ehemals geretteten originalen Beständen wieder im Iijoki anzusiedeln, findet es «absurd, dass wir nun geltende Gesetze verteidigen müssen». Bis zu 400 000 Smolts - das sind die zweijährigen Junglachse, die dann auf Wanderschaft ins Meer ziehen - könnte der Iijoki in seinen Stromschnellen produzieren und, mit Fischtreppen ausgerüstet, an die Ostsee weitergeben. «Wenn der Kollaja-Stausee gebaut wird, war alle Mühe mit dem Lachs vergeblich», sagt die Biologin.     

Am Kemijoki und an seinem Nebenfluss Vuotos, für dessen ursprüngliche Wasserlandschaft die Ärztin Helena Tiihonen schon seit einem Vierteljahrhundert gekämpft hat, sind viele Menschen durch die ewige Unsicherheit längst mürbe geworden. Gemeinden sind geschrumpft und verarmt, Grundstücke verlieren ihren Wert, Unternehmen mögen hier nicht investieren. Helena rudert dieses Jahr, ebenfalls im Juli, in Nordostlappland von der Quelle des Kemiflusses aus, unweit des Berges Korvatunturi nahe der russischen Grenze - wo nach finnischer Sage der Weihnachtsmann haust.     

Dort setzten sich Einheimische, Wissenschaftler und auch Politiker auf einer Tagung und zu Wasser für die Einrichtung der Vuotos-Region als Nationalpark ein: «Hier oben», sagt Initiator Tapani Niemi, «ist die einzige wachsende Branche der Tourismus». Die Zahlen der Besucher in finnischen Nationalparks steigen seit Jahren stetig. Die Botanikerin Esteri Ohenoja, die mit anderen Biologen von der Universität Oulu die Bestände an raren Pflanzen, Moosen und Flechten im Vuotosgebiet inventarisiert hat, sieht Finnland als verantwortlich für die Erhaltung dieser Naturschätze an.     

Die Empörung der Widerständler in Lappland gründet sich auf traumatische Erfahrungen bei der Bändigung ihrer Flüsse für Wasserkraft: Am Kemijoki wurden den ahnungslosen Landleuten gleich nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Anteile an den Stromschnellen zu Spottpreisen abgekauft. Die in den 60er gebauten Stauseen von Lokka und Portipahta, jeder größer als der Bodensee, vergifteten lange Zeit die Fische durch Fäulnis, die überfluteten Baumstümpfen entwich. Arbeitsplätze brachten die längst automatisierten Werke nur während der Bauzeit ein.    

Insgesamt 40 000 Menschen, so rechnet Pekka Kaukko vor, mussten in den 69er Jahren von den Ufern des Iijoki weichen, die ihnen ein gutes Auskommen gewährt hatten ­ mit Lachsfischerei und Landwirtschaft auf fruchtbarem Boden. Die von Stauseen überfluteten Ländereien versumpften, der Wanderfisch, von Sperren gebremst, blieb aus: «Wo die Dämme gebaut wurden», sagt Pekka, «verarmte die Region.» Wer jedoch gegen die Verbauung aktiv wurde, lief Gefahr, seinen Job zu verlieren ­ wie etwa Jaako Kaukko, ehemals Ingenieur bei der Gemeinde Pudasjärvi, dem einfach gekündigt wurde.     

Ein Vierteljahrhundert Widerstand hat auch den sportlichen, kräftigen Pekka, der seinen Sohn Lasse schon im Alter von einem Jahr mit aufs Boot nahm, schwer zu schaffen gemacht. Zorn und Verzweiflung treiben ihm beim Thema Staudamm die Tränen in die Augen. Der Kraftwerkskonzern wolle zwar die zum europäischen Natura-2000- Netzwerk gehörigen Gebiete der künftigen Stauseeregion trickreich umgehen, sagt er. Aber seiner Heimatstadt Pudasjärvi, in der die einwöchige Ruder-Demo endet, könnte durch den Anstieg des Wasserpegels trotz der Flutschutzanlagen das Schicksal von New Orleans drohen. Das haben schon, aufgrund der Umweltbedingungen im extremen Flachland bei Pudasjärvi, Wissenschaftler errechnet.     

Dass die Wildnis Lapplands nun entlang der Flüsse entgegen geltender Gesetze weiter zerstört werden könnte, lässt unter den Ruderern am abendlichen Lagerfeuer das harte Wort vom «Staatsterror» aufkommen: Die Menschen hier oben, die so gar nicht zu lautstarkem Protest neigen, haben das Vertrauen vor allem in die ehemals bäuerlich geprägte Zentrumspartei verloren, die nun gemeinsam mit den Konservativen regiert. Umweltministerin Paula Lehtomäki von der Zentrumspartei hat offenbar gegen die Verbauung der letzten freien Gewässer nichts einzuwenden, Minister Pekkarinen fördert obendrein noch die Probebohrungen ausländischer Uranschürfgesellschaften, die jetzt auch im Lappland ihre Claims abstecken.     

Vielfache Verflechtungen zwischen Politik und Konzernen, so sagt Pekka Kaukko, geben uns ein Gefühl der Rechtlosigkeit. Der finnische Staat besitzt ein Großteil der Waldkonzerne, die wiederum besitzen einen Großteil der PVO-Aktien. PVO als Stromerzeuger ist Eigner eines großen Anteils des monopolistischen Stromverteilungsunternehmens Finngrid. Ausgerechnet ein Konservativer, der Abgeordnete Pertti Salolainen aus Helsinki, sprang zum Abschluss der Ruder-Demos seinen Landsleuten im hohen Norden zur Seite: Es sei unbegreiflich, dass die Kraftwerksbetreiber jetzt, nach der Verbauung und Zerstörung der Lachsflüsse, mit einer Riesenkampagne auf die geschützten Gewässer losgingen, schreibt er in einem Leserbrief Lapplands an größte Zeitung «Lapin Kansa». Offenbar gebe es für die Energieproduzenten im Bemühen um die Verschönerung ihrer Bilanz gar keine Grenzen mehr.     

Der Parlamentarier kritisiert die quälende Unsicherheit, die über so lange Zeit eines Rechtsstaates unwürdig sei und fürchtet: «Ein Krieg um Lapplands Stromschnellen ist in Sicht.»

Dein Kommentar wird unwiederruflich gelöscht!

0 Kommentare

Du musst eingeloggt sein um Kommentare abzugeben.
Feedback ist momentan nur als Mitglied möglich!
Feedback is temporarily only available for members!

Ich habe keinen IPAT-Account und möchte
"I Plant a Tree" über mein
Facebook Profil benutzen.

Mit Facebook anmelden

Ich habe bereits einen IPAT-Account und möchte diesen mit meinem
Facebook Profil verknüpfen.
Hierfür bitte vorher einloggen:

Mit Facebook verknüpfen