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17.09.2008 - von Micha

Zu wenig Wasser aus den Bergen - Zentralasien drohen große Konflikte

Von Angela Lieber, dpa Im Norden Kirgistans buddeln kleine Kinder am Straßenrand im Dreck eines ausgetrockneten Bewässerungskanals. Der Abendwind bläst Staubkörner in alle Richtungen. Ein heißer und viel zu trockener Sommer geht in Zentralasien zu Ende. Die Wasserspeicher sind leer, die Felder ausgedörrt. 
Stromausfälle sind vielerorts an der Tagesordnung. Im Süden der einstigen Sowjetunion mehren sich Anzeichen sozialer Unruhe und Instabilität. Denn nicht nur die Wasserversorgung gerät in Gefahr, sondern auch die Energielieferungen für die Bevölkerung im kommenden Winter.Wasser- und Energiekrisen sind in Zentralasien aus historischen Gründen eng miteinander verwoben.

Die fünf zentralasiatischen Republiken waren zu Sowjetzeiten Teil eines überregionalen Systems von Wasser- und Energielieferungen. In den Bergrepubliken Tadschikistan und Kirgistan, in denen die beiden größten Flüsse der Region - Syrdarja und Amudarja - entspringen, bauten die Sowjets Wasserspeicher und Staudämme. Im Herbst, Winter und Frühjahr wurde hier das Schmelzwasser der Hochgebirge gestaut und im Sommer zur Bewässerung der riesigen Baumwoll- und Obstplantagen in die Steppenstaaten Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan abgelassen. Im Winter bekamen die Wasserspender als Ausgleich von ihren Nachbarn Kohle, Öl und Gas zum Heizen.  

Mit dem Ende der Sowjetunion brach auch das Verteilungssystem zusammen. Die Steppenstaaten beschweren sich über Wassermangel auf ihren Feldern und werfen ihren Nachbarn vor, das Wasser bereits im Winter zur Gewinnung von Strom zu verwenden. Die Bergrepubliken hingegen wehren sich mit den Argumenten, ihre Nachbarn lieferten unzureichend Heizmaterial für die kalten Wintermonate. Ein umfassendes Wassermanagement oder koordinierte Energie-Abkommen gibt es in der Region nicht.  

«Die extreme Trockenheit hat die Ernten in Kasachstan und Usbekistan gefährdet und treibt die Nahrungsmittelpreise ins Unermessliche», sagt Mirlan Aldajarow, Weltbankexperte für nachhaltige Infrastrukturentwicklung in Zentralasien. Das kirgisische Energieministerium hat die Bevölkerung aufgefordert, schon jetzt Brennmaterial für den nächsten Winter zu sammeln. Die Winterferien für Schulkinder sollen auf 60 Tage ausgeweitet werden, um Heizenergie zu sparen. In einigen Industrien ist das Wachstum wegen regelmäßiger Stromabschaltungen um fast 20 Prozent zurückgegangen.  

Die diesjährige Dürreperiode verschärft die internationalen Querelen und überrascht in ihrer extremen Ausprägung. Der Wasserstand in den kirgisischen Reservoiren ist minimal. Deshalb fehlte Usbekistan und Kasachstan zur Haupterntezeit ausreichend Wasser. Im Gegenzug haben die Steppenstaaten die Preise für Energieexporte ins Unermessliche erhöht.  

Die Hintergründe für die derzeitige Wasserknappheit in Zentralasien sind umstritten. Einige Experten sprechen von regelmäßigen Dürre-Zyklen - andere machen den Klimawandel verantwortlich. UN-Angaben zufolge haben sich in den letzten dreißig Jahren die Gletscher der Region um fünf Prozent zurückgebildet, was einen Rückgang des Wasservolumens um fünfzehn Prozent bewirkt habe.Den Prognosen zufolge wird der Klimawandel die Wasserkonflikte zwischen den Staaten und somit auch die Gefahr sozialer Unruhen weiter verschärfen. «Zentralasien wird unter längeren und extremeren Trockenperioden leiden», sagt Urlan Matejew, Energiespezialist der Vereinten Nationen.  

Um Trockenheit und Klimawandel langfristig begegnen zu können, ist die Region auf internationale Hilfe angewiesen. Es sei dringend notwendig, schon heute Projekte und Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel durchzuführen, meint UN-Experte Matejew, zumal die Staaten selbst nur zögerlich handelten.  

Die Weltbank bereitet schon jetzt ein Notfallprojekt in Höhe von umgerechnet sieben Millionen Euro vor, um die Auswirkungen des Energiemangels im nächsten Winter abzumildern. «Zentralasien steht am Rande einer gewaltigen Krise», so der Weltbank-Experte Aldajarow.«Ohne verstärkte internationale Hilfe wird es für alle Staaten der Region schwierig, den nächsten Winter heil zu überstehen.

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