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Aug 22, 2008 - by Micha

Klimawandel bringt Berge ins Rutschen - neuer Ehrgeiz «Letztbegehung»

von Sabine Dobel, dpa - Ein Grollen kündigt das Unheil an, dann prasseln Steine und Felsbrocken den Berg hinab. Immer öfter werden solche Vorfälle zur Bedrohung für die Bergsteiger. 
Mit dem Klimawandel hat sich die Gefahr noch verschärft. Wo früher Eis den Fels fest verbacken hatte, lösen sich heute leichter Steine. Erst vor kurzem wurde ein Bergsteiger an der 2749 Meter hohen Birkkarspitze im Karwendel rund 200 Meter unter dem Gipfel von einem Stein am Kopfgetroffen. Ein Hubschrauber brachte ihn nach Innsbruck in die Klinik. Im Tiroler Bezirk Imst wurde am selben Tag das Auto einer italienischen Familie von einem mehrere hundert Kilogramm schweren Felsen zerstört. Die Frau wurde verletzt, die beiden Kinder und der Vater blieben wie durch ein Wunder unversehrt.  

«Das sind schon Gefahren, auf die man sich zunehmend einrichten muss», sagt die Sprecherin des Deutschen Alpenvereins (DAV), Andrea Händel. Nicht nur im Bereich des sogenannten Permafrostes mit ständig gefrorenem Boden sorgt die Klimaerwärmung für mehr Steinschlag. Es gebe auch einen Zusammenhang mit den zunehmenden Niederschlägen. Denn der Regen wäscht den Fels aus, spült verbindendes Material weg. Häufige Frost- und Tauwetterwechsel destabilisieren die Hänge zusätzlich. Muren, Erdrutsche und Felsstürze nehmen zu.  

Vor zwei Jahren stürzte am Eiger im Berner Oberland eine Wand mit hunderttausenden Kubikmetern Fels auf den Gletscher hinab. Verletzt wurde niemand. Im vergangenen Herbst löste sich eine gigantische Steinlawine am Einserkogel in den Dolomiten. Der Wirt der Fischleinbodenhütte, Franz Tschurtschenthaler, sah am Morgen beistrahlendem Sonnenschein eine Staubwolke von abbrechendem Gestein und warnte seine Gäste vor dem Weitergehen. «Die ersten hätte es erwischt.» Gut eine Stunde später donnerte es. «Es wurde dunkel, eine Druckwelle kam», sagt der Wirt. Mehrere Wanderer überstanden das Inferno unverletzt. «Die waren weiß wie von einer Mühle rausgezogen. Und im Tal war es weiß wie im Winter.» Wegen des Staubes, der sich auf die Lungen legte, wurde auch eine Hütte evakuiert.  

Der Extrembergsteiger Reinhold Messner sieht auch neue Gefahren für die Menschen in den Tälern. «Felsstürze gibt es jetzt viel massiver und häufiger», sagt Messner, der für die Südtiroler Grünen mehrere Jahre im Europaparlament saß. «Das Problem ist: Unter vielen großen Bergen führen inzwischen Wanderwege vorbei.» Auch Häuser könnten bedroht sein. «Wir haben zum Teil massiv an Berge herangebaut in der Meinung, das sei eine stabile Angelegenheit. Und jetzt kommen da große Stücke herunter», warnt Messner. «Man darf jetzt nicht mehr weiter bauen.» Vielmehr sei es höchste Zeit, dass die Geologen umfassende Untersuchungen anstellten, um die sicheren Bereiche festzustellen.  

In Bayern haben Wissenschaftler bereits begonnen, tonnenschwere Felsabbrüche am Computer zu simulieren, allein im Landkreis Oberallgäu konstruierten sie für die erste Gefahrenhinweiskarte Bayerns mehr als 300 000 Steinschläge. Damit würden mögliche Sturzbahnen von Felsen und ihre Wucht erkennbar, sagte Umweltminister Otmar Bernhard (CSU) - «wichtig für Ingenieure, die Fangzäune und Schutzwälle konstruieren». 

Mit dem Anstieg der Bodentemperatur im Permafrost geraten auch Liftanlagen, seinerzeit auf eisharten Boden gesetzt, ins Ungleichgewicht, Schutzhütten bekommen Risse. Forscher gehen davon aus, dass zum nächsten Jahrhundertwechsel alle kleineren Gletscher in den Alpen abschmelzen werden. Der Zugspitzgletscher wird schon in 20 Jahren verschwunden sein, und der berühmte Biancograt an der Piz Bernina war in manchen der vergangenen Sommer schon kein weißer Grat mehr. Nur oberhalb von 3500 Metern werde sich das ewige Eis zum Ende dieses Jahrhunderts noch halten, sagt der Züricher Glaziologe Andreas Bauder. «Es bilden sich neue Gefahrenherde, bestehende Gefahren verschwinden: Wenn der Gletscher weg ist, gibt es keine Spalten mehr- aber dafür vielleicht mehr Steinschlag.»  

Im Jahrhundertsommer 2003 donnerten an der Hauptroute am 4478 Meter hohen Matterhorn Hunderte von Kubikmetern Gestein in die Tiefe, Dutzende Bergsteiger mussten mit Hubschraubern gerettet werden. Auch am Montblanc holte ein Helikopter Bergsteiger ins Tal: Sie hatten den mit 4807 Metern höchsten Berg Europas bezwungen und danach unversehrt die erste Hütte erreicht - doch unterhalb drohte massiver Steinschlag.  

In diesem Jahr ist die Situation nicht so dramatisch. Trotzdemstellt DAV-Sprecherin Händel klar: «Bergsteiger müssen sich darauf einstellen, dass Touren so nicht mehr begehbar sind, wie sie früher begehbar waren.» Manchmal sind die Spalten zwischen Gletscher und Fels unüberwindbar groß geworden, andernorts ist der Gletscher verschwunden und ein Aufstieg im steilen Geröll unmöglich. Im Zillertal sei die Gamsscharte zwischen Plauener Hütte und Zittauer Hütte wegen starker Eis- und Steinschläge komplett gesperrt. Am Montblanc ist die Route über die Grand Mulets-Hütte durch ein zerklüftetes Gletscherfeld wegen Eisschlages zu gefährlich geworden. Wer Eis- und Steinschlag entgehen will, muss die Tour beenden, bevor die Sonne das Eis aufweicht - und noch früher losgehen: um 4.00 Uhr, 2.00 Uhr, oder gar schon um Mitternacht.  

An manchen berühmten Eiswänden wie der Droite-Nordwand am Montblanc, wo früher Kletterer mit Steigeisen und Eispickeln senkrecht am Eis in die Höhe hangelten, ist teils nur noch blanke Felswand übrig. «Es gibt bei Einigen schon einen neuen Ehrgeiz: Nicht mehr die Erstbegehung, sondern die Letztbegehung zu machen», sagt Händel.

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