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06.08.2008 - von Micha

«Brennstoff vor der Haustür» - Erstes deutsches Schilfheizkraftwerk

Von Gisela Mackensen, dpa - Den Ratschlag von Berlins Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD), zum Heizkostensparen einfach die Temperatur zusenken und einen dicken Pullover anzuziehen, können die Einwohner des Dorfes Kaltbrunn am Bodensee getrost in den Wind schlagen. 
Denn spätestens vom Herbst 2009 winkt ihnen eine viel bessere Lösung. Dann soll in dem Ortsteil von Allensbach mit seinen 900 Einwohnern das erste Schilfheizkraft Deutschlands in Betrieb gehen. «Unser Brennstoff wächst direkt vor der Haustür und wir bekommen ihn auch noch umsonst», sagt Projektmanager Gerhard Worm.  

Denn in der Nähe liegen mehrere Naturschutzgebiete, etwa das Wollmatinger Ried. Es wird regelmäßig aus Gründen derLandschaftspflege gemäht. Bisher aber bleibt die Biomasse weitgehend ungenutzt. «Die Entsorgung kostet sogar noch Geld, denn nur ein Teil wird als Einstreu im Stall und auf dem Acker verwendet», erzählt der 54-Jährige. 2006 kam ihm zusammen mit einem Freund, dem Kaltbrunner Biobauern Helmut Müller, die zündende Idee, aus Schilf Energie zu gewinnen.  

Doch zuerst hatten die Wissenschaftler das Wort. Forscher stellten fest, dass der Brennwert des Schilfes fast so hoch ist wie bei Holz. «Das hat uns überrascht», gesteht der frühere Umweltmanager der Blumeninsel Mainau im Bodensee. Auf der Suche nach der richtigen Technik für das Schilfheizkraftwerk wurden die Beiden dagegen schnell fündig. «In Dänemark gibt es seit 20 Jahren Heizkraftwerke, die mit Stroh befeuert werden.» Die bewährte Konstruktion soll am Bodensee übernommen, aber durch Feinstaubfilter ergänzt werden.  

Die Nachbarn zu überzeugen, war nicht schwer. Eine Bürgerinitiative namens ELaBo (Energie und Landschaftspflege Bodensee) entstand, von den 160 Gebäuden des Dorfes wollen sich 100 anschließen lassen. Schilf und Riedgras sollen in dem Mini-Heizkraft Wasser erwärmen, das durch eine 3,8 Kilometer lange Ringleitung fließt. Den Anschluss muss jeder Hauseigentümer selbst bezahlen. Zu den etwa 3000 Euro gibt es vom Bund aber 1800 Euro Zuschuss, wie Worm vorrechnet. Die Gesamtkosten des Projekts unter der Regie einer bürgerschaftlich strukturierten GmbH & Co KG hat er auf 1,9 Millionen Euro veranschlagt. «Trotz der beträchtlichen Summe wird die Kilowattstunde mit elf Cent drei Cent billiger als bei der Ölheizung sein», verspricht er. Vor allem aber ist Worm davon begeistert, gleich mehrere Ziele unter einen Hut zu bringen. «Klimaschutz, kein Verfeuern von Nahrungsmitteln, Landschaftspflege und kostengünstige Wärme». Das neue Kraftwerk soll jährlich 250 000 Liter Heizöl sparen und den Kohlendioxid-Ausstoß um 80 Prozent verringern. 

Voll des Lobes ist auch Baden-Württembergs Landesregierung für das ausgefallene Projekt der engagierten Bürger. Sie hat dafür 250 000 Euro Zuschuss spendiert und die Versorgung mit Schilf für 15 Jahre zugesagt. Auch in anderen Teilen des Südwestens haben Bürger nach neuen Energiequellen gesucht. Strom und Wärme werden aus Mist, Gras oder Silomais erzeugt oder Solaranlagen gebaut. Im Dorf Mauenheim im Kreis Tuttlingen beispielsweise liefert eine Biogasanlage Wärme und Strom, die mit Kuhmist und Schrot betrieben wird.   Von Bürgern für Bürger ist auch der Solarpark in Laichingen (Alb-Donau-Kreis). In Eningen (Kreis Reutlingen) läuft eine Biogasforschungsanlage der Universität Hohenheim. Sie soll erkunden, wie Technik und Ausbeute verbessert werden können. Das Land will schließlich den Anteil erneuerbarer Energie am Primärenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 auf mindestens 15 Prozent steigern.

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