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29.07.2008 - von Micha

Eine verdrängte Wahrheit: Ist der Mensch unfähig zum Klimaschutz?

Jeder spricht vom Klima. Aber Wissenschaftler sind nicht sicher, ob die Menschheit überhaupt zu einer Umkehr fähig ist.
Von Chris Melzer, dpa So ganz passten die beiden Eigenwerbungen eines Münchner Fernsehsenders nicht zusammen: «Contra CO2» warben da mit ernster Miene Moderatoren für Klimaschutz und klärten auf, wie man umweltschonend «Strom aus Frittenfett» machen könne. Wenig später wurde begeistert geworben, man möge einen «Hummer» gewinnen - den Geländewagen, der mit gut zweieinhalb Tonnen Gewicht und locker 15 Liter Verbrauch für Naturschützer das Symbol für gedankenlose Umweltignoranz ist. Jeder spricht vom Klima. Aber Wissenschaftler sind nicht sicher, ob die Menschheit überhaupt zu einer Umkehr fähig ist.  

«Das Problem ist, dass die Gefahr so abstrakt ist», sagt Friedmann Prose. Der Psychologe von der Kieler Universität hat sich auf das Umweltverhalten spezialisiert und fürchtet, dass viele sich hinter Entfernung und Zeit verstecken: «Der Mensch reagiert auf eine unmittelbare, klar sichtbare Gefahr am stärksten. Der abstrakte Klimawandel wird dann gern weggeschoben, das gehe ja nur weit entfernt oder in Zukunft lebende Menschen etwas an. » Zwar stehe jedenTag in der Zeitung, dass sich Krankheiten ausbreiten, mehr problematische Insekten auch in Deutschland heimisch werden und durch Dürren Nahrungsmittel in Mitteleuropa teuer werden könnten: «Aber ohne die eigene, schmerzhafte Erfahrung funktioniert bei vielen kein Einsehen.»  

Kai Lenßen, Umweltpsychologe aus Düsseldorf, sieht eine «Dissonanz in der Wahrnehmung»: «Jeder hält die ganze Welt für furchtbar klimaignorant - außer sich selbst natürlich. Mehr als 80 Prozent der Deutschen glauben, sie selbst seien umweltbewusst, die meisten anderen aber nicht. Wenn die Wahrnehmung stimmen würde, kann diese Rechnung nicht aufgehen.» Das hohe Selbst- statt Umweltbewusstsein sei aber genau das Problem: «Wer glaubt, dass er sich richtig verhält, ändert sich nicht.»   Lenßen attestiert den Deutschen ein hohes Umweltbewusstsein. «Der Deutsche ist "grün", zumindest im Vergleich. Die Schädigung des Klimas wird als großes Problem begriffen, was nicht in allen Ländern so ist. Aber für viele gilt: Das Bewusstsein ist da, das Handeln nicht.» Zu kreativ seien viele, wenn es um Ausreden gehe: «Praktisch jeder sagt von sich, er vermeide unnötige Autofahrten. Aber "unnötig" ist für jeden etwas anderes, sonst würde er ja die Fahrt gar nicht erst planen.»  

Auch Prose sieht eine Schere zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung.«Wer die Fehler der anderen bemerkt, erhöht sich selbst. Das ist natürlich ungemein attraktiv.» Dennoch ist der Kieler optimistisch: «Der Mensch kann sich ändern. Und weil er es muss, wird er sich auch ändern.» Mit seiner Aktion «Nordlicht» gibt er konkrete Tipps, wo im Alltag ohne große Probleme Energie gespart und das Klima geschützt werden kann. Wichtigster Punkt: Verhaltensänderung bei den Vielen. «Das ist zuerst das Konsumverhalten. Wenn Klimaschutz, ob bei Herstellung, Transport oder Verbrauch, ein echter Wert ist, wird die Wirtschaft von ganz allein Produkte und Produktion ökologischer machen.» Diese Entwicklung gebe es schon, noch immer aber dominierten Preis- und Markenbewusstsein.  

Auf Schuldgefühlen aufbauende Kampagnen würden fast nichts bringen, sagt Lenßen. «Das produziert Trotz. Stattdessen müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Die Stadt der kurzen Wege muss her!» Die werde zwar seit Jahrzehnten propagiert, aber dennoch sei man in fast  allen deutschen Regionen, selbst in Großstädten, ohne Auto verloren.Und ein Imagewandel muss her: «Das Auto gilt als lustbetontes,selbstverständliches Fortbewegungsmittel, Bus und Bahn hingegen alsbrav und angepasst.» Das Interessante: Die Hälfte der Deutschen würden sich Einschränkungen beim Auto auferlegen lassen - solange sie nur auch die anderen treffen.  

Prose will Vorbilder sehen: «Wenn ein Politiker auf ein sparsames Auto umsteigt, macht ihm das nicht gleich jeder nach. Aber solange er es nicht tut, liefert er jedem Umweltsünder eine Ausrede. »Umweltkampagnen mit mehr oder minder Prominenten brächten hingegen nicht viel. «Aber immerhin bringen sie das Thema auf den Tisch. Das kann genutzt werden.» Zuweilen müsse Klimaschutz auch weh tun:«Finanzielle Konsequenzen können sehr hilfreich sein. Teures Benzin sorgt ja viel eher für Sparsamkeit als jede Öko-Kampagne», sagt Prose. Das allein könne es aber nicht sein: «Die Menschen müssen überzeugt sein. Sonst schlägt es irgendwann um und es geht alles von vorn los.» (Internet: www.nordlicht.uni-kiel.de)

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