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10.07.2015 - von Christian Lingnau
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„Bei Cradle to Cradle entsteht kein Abfall“

Müll ist eine Erfindung des Menschen. Dabei müssen wir das Rad nicht neu erfinden, um daran etwas zu ändern. Ein Interview mit Anna Lütje, Gründerin des Öko-Startups Cradlelution.

Wie bist du auf das Thema Cradle to Cradle gekommen?

Während meines Studiums zur Umweltschutzingenieurin habe ich mich mit unseren heutigen Problematiken und Herausforderungen intensiv auseinandergesetzt und je tiefer ich in die Materie eingedrungen bin und jedesmal dachte, es geht nicht noch schlimmer, bin ich bei meinen Recherchen auf noch erschreckendere Fakten gestoßen. Dabei habe ich aber auch eine Dokumentation gefunden – die von dem Cradle to Cradle (C2C) Konzeptgründer Prof. Dr. Michael Braungart, sie heißt „Nie mehr Müll“. Ich war und bin vom Cradle to Cradle Designprinzip überzeugt und finde den positiven Ansatz sehr erfrischend neben den vielen „Weltuntergangs-News“ - die natürlich alle ihre Berechtigung haben, jedoch bietet C2C direkt einen konstruktiven Lösungsansatz, zumindest für unsere Produktwelt. Daraufhin habe ich mich weiter informiert und habe mich zum ersten Multiplikatorenseminar des Cradle to Cradle Vereins angemeldet, seitdem bin ich nicht nur Fördermitglied, sondern auch ehrenamtlich in der Regionalgruppe Lüneburg aktiv.

Was ist Cradle to Cradle?

Cradle to Cradle setzt bereits bei der Konzipierung der Produkte an, d.h. die C2C-Produkte bzw. deren Bestandteile werden sortenrein trennbar designt, sodass sie entweder biologisch abbaubar sind oder in einen technischen Kreislauf zurückgeführt werden können. Gleich dem System der Natur entsteht somit kein Abfall, sondern zirkuliert als Nährstoff in Kreisläufen. Um ein Höchstmaß an Produktinnovation, -qualität und Verbraucherschutz zu gewährleisten, durchlaufen alle zwei Jahre sämtliche Cradle to Cradle zertifizierten Produkte den Zertifizierungsprozess von Neuem. Die Cradle to Cradle Zertifizierung umfasst fünf Bewertungskriterien und ist somit weltweit einer der strengst zertifiziertesten Labels, da es allumfassend ist: Materialbewertung, Materialkreislauffähigkeit, Energienutzung, Wassernutzung, Soziale Verantwortung.

Wo liegt der Unterschied zum klassischen Recycling?

Unsere heutige Wirtschaftsweise läuft von der „Wiege zur Bahre“, also nach dem Prinzip: We take, make and waste. So entstehen massenweise unnötiger Abfalldeponien, die teilweise sogar toxisch sind. Unser sogenanntes Recyclingsystem entpuppt sich eher als Downcycling, da „recycelte“ Produkte meist einen immensen Qualitätsverlust hinnehmen müssen. Geschweige denn, dass die meisten Kunststoffe, die im Gelben Sack landen, gar nicht recycelt werden können aufgrund der Vielzahl an verschiedenen Kunststoffen. Und so werden sie in Müllheizkraftwerken verbrannt, um wenigstens noch etwas Energie daraus ziehen zu können. Aber ist das wirklich nachhaltig?

Unser konventionelles „Recycling-System“ funktioniert nicht, da der Input bereits kontaminiert und nicht für das Recycling designt ist. Wohingegen bei C2C direkt von Anfang, sprich beim Produktdesign, auf die Wiederverwertbarkeit geachtet wird, d.h. alle Produkte werden so konzipiert, dass sie entweder biologisch abbaubar oder sortenrein trennbar sind, sodass die verwendeten Materialen wieder für neue Produkte zur Verfügung stehen. So können wir eine 100%ige Kreislaufführung schaffen, bei der eben kein Abfall entsteht. Unsere C2C Hersteller nehmen ihre Produkte nach Gebrauch wieder zurück und stellen daraus neue her. Wenn wir das C2C Designkonzept flächendeckend implementieren können, dann müssen wir noch nicht mal das „Rad neu erfinden“, denn die bestehenden Abfallwirtschaftssysteme und deren Logistik könnten dann beibehalten werden und die Wertstoffhöfe und Abfallentsorgungsunternehmen könnten als „Rohstoffhändler“ agieren, weil der Input auch verlustfrei wirklich recycelt werden kann.

Was sind denn „typische“ Cradle to Cradle Produkte?

Die C2C Bandbreite reicht von Reinigungsmitteln, Bürobedarf, Schuhe und Bekleidung über Kinderspielzeug bis hin zu Baustoffen uvm. Es gibt also keine „typischen“ C2C Produkte. Ich persönlich finde die große Auswahl an C2C Reinigungsmitteln super, die schadstofffrei und biologisch abbaubar sind. Oder das C2C Toilettenpapier. Aber auch der C2C Schreibtischstuhl ist innerhalb weniger Minuten auseinandergebaut und kann so ohne Probleme wieder in den technischen Kreislauf übergehen. In Hamburg steht der „Woodcube“, ein C2C Wohngebäude. Wenn der ein oder andere mal einen Abstecher nach Hamburg macht: dort kann man den Woodcube besichtigen und sich dazu informieren – zukunftsweisendes Projekt!

Ist das Konzept die Lösung aller Umweltprobleme?

Nein, das nicht. Aber diesen Anspruch hat Cradle to Cradle auch nicht. Es ist ein guter und positiv-konstruktiver Lösungs- und Handlungsansatz, der die Produktwelt abdeckt, und einen großen und wichtigen Schritt in die richtige Richtung geht bzw. eine gute Orientierung bietet. Ich persönlich lebe nach dem Prinzip der Suffizienz. Ich konzentriere mich aus Selbsteinsicht, was die materiellen Dinge des Lebens wie Kleidung, Konsumgüter, etc. angeht, auf das Wesentliche – was nicht heißt, dass ich mir das ein oder andere gönne - aber wenn, dann Cradle to Cradle, Fair Trade und Bio-Produkte. Das ist ein möglicher Handlungsansatz, sich für eine nachhaltige und ökosoziale Gesellschaft einzubringen. Jeder kann das dazu beitragen, was er tun kann und möchte. Es gibt viele Möglichkeiten sich einzubringen – Hauptsache ist, dass wir überhaupt etwas dafür tun! ;)

Du willst demnächst einen C2C Shop eröffnen und suchst per Crowdfunding Unterstützer. Wie kommst Du voran?

Ja, genau. Mein Gründungspartner und ich haben im Februar diesen Jahres Cradlelution, einen Cradle to Cradle Online-Shop gegründet, um den Zugang zu diesen intelligent designten Produkten für uns alle zu ermöglichen. Wir haben nun alles vorbereitet und es steht alles in den Startlöchern. Nun brauchen wir das nötige „Kleingeld“, um ein kleines Lager mit tollen C2C Produkten füllen zu können. Wir freuen uns über die bisherige Resonanz und den großen Zuspruch – wir haben bereits innerhalb von 2 Wochen über 40% unseres Funding-Ziels zusammen. Für diese tolle Unterstützung sind wir sehr dankbar! Aber wir haben noch ein Stück Weg vor uns, den wir gemeinsam mit euch gehen wollen. Zusammen setzen wir große, positive und nützliche Fußabdrücke!

Danke für das Gespräch Anna und viel Erfolg!

Vielen herzlichen Dank, Christian!

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