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08.02.2014 - von Christian Lingnau

Arbeitszeit: Warum eigentlich 40 Stunden?

Einer aktuellen Studie zufolge sind viele Arbeitnehmer mit ihrer Arbeitszeit unzufrieden. Von einer generellen Arbeitszeitverkürzung würden Mensch und Umwelt profitieren.

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Die Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kommt zu dem Ergebnis, dass Mini-Jobber und Teilzeitarbeitnehmer mehr und Vollzeitbeschäftigte weniger arbeiten wollen. Ob Letztere auch zu entsprechendem Lohnausgleich bereit sind, geht aus der Umfrage nicht hervor. Fest steht nur: Die 40-Stunden-Woche ist ein historisches Relikt, welches nur wenig Raum lässt für individuelle Wünsche und Bedürfnisse.

Stillstand seit den 60er Jahren

Dabei galt die aktuelle Regelung mal als modern: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde zehn Stunden an sechs Tagen pro Woche gearbeitet. Nach dem Ersten Weltkrieg folgte der gesetzlich vorgeschriebene 8-Stunden-Arbeitstag. Die 40-Stunden-Woche wurde erst Mitte der sechziger Jahre Realität.

Obwohl Beschäftigungsquote und Produktivität massiv zugenommen haben, stagniert die reguläre Arbeitszeit bis heute auf diesem Niveau. Das tatsächliche Arbeitspensum geht in vielen Fällen noch darüber hinaus. Leistungs- und Termindruck führen zunehmend zu psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depressionen. Selbst Arbeitgeberverbände sehen inzwischen Handlungsbedarf.

Weniger Arbeit, weniger Stress

Warum also nicht endlich die reguläre Arbeitszeit verkürzen? Wenn sie die Wahl hätten, würden sich viele Arbeitnehmer vermutlich doch für den Lohn und gegen die Zeit entscheiden. Alle anderen aber würden Platz machen für jene Teilzeitbeschäftigte, Mini-Jobber und Arbeitssuchende, die (mehr) arbeiten wollen. Weniger Stress wäre die Folge - und das nicht nur durch längere Erholungsphasen. Konsumintensive Lebensstile führen zu Kaufsucht, Reisefieber, Freizeitstress. Produkte und Dienstleistungen müssen in kurzer Zeit verglichen, erworben und in Anspruch genommen werden. Mit weniger Geld entfallen solch Stress verursachende Optionen wie von selbst.

Unabhängiger werden

Davon würde auch das Ökosystem profitieren. Schließlich ist der bewusste Lohnverzicht ein erster Schritt aus dem „Hamsterrrad der käuflichen Selbstverwirklichung“ (Niko Paech). Weniger Geld bedeutet weniger Konsum und Ressourcenverbrauch.

Die frei verfügbare Zeit kann zur Initialzündung werden, die gewonnene Unabhängigkeit weiter auszubauen: Urban Gardening, Tauschringe, Reparatur-Cafés und viele andere Projekte zeigen, dass es längst Alternativen zu Aldi, Media Markt und Ikea gibt. Wer sich die Zeit dafür nimmt, wird nicht mehr zurückkehren wollen zur fremdbestimmten 40-Stunden-Woche.

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2 Kommentare

  1. Micha / 14.02.2014 19:53:59 Uhr

    Ich würde auch gern 20 Stunden oder auch weniger arbeiten um dafür mehr Zeit für Familie und andere Themen zu haben. Allerdings muss man auch die Familie ernähren können. Man kann 2 Kinder und Frau nicht von einer 20 Stunden Woche ernähren. Das funktioniert wohl nur wenn man freiberuflich als erfolgreicher Schriftsteller o.ä arbeiten würde.
    Hier ein Beispiel:
    Miete + NK + Strom und Gas / Essen / und täglicher Bedarf für 4 Personen + KV / RV + Telefone/ Internet für alle + Schul-/ Hortgeld / Essengeld für 2 + Andere Versicherungen summieren sich leicht auf Fixkosten von ca. 3.000,- € -
    Das ist Nettoverdienst aus dem die o.g. Dinge bezahlt werden müssen. Dazu kommen beispielsweise Steuern von ca. 25%. Somit errechnet sich ein theoretisches Bruttogehalt von 4.000,- Euro. Wenn beide verdienen und jeweils nur 20 Stunden / Woche arbeiten wollten, müsste man also für je eine Halbtagsstelle mindestens 2000,- Brutto verdienen. Gibt’s im Osten eher selten.
    Da ist noch keine Klamotte gekauft / kein Auto gefahren / kein Urlaub gemacht/ nie ins Theater oder Kino gegangen / kein Taschengeld für die Kids/ keine Investitionen in Kühlschrank oder Waschmaschine getätigt.
    Klar man kann mit Hand waschen – man hat ja dann 20 Stunden mehr Zeit. Ich glaub das funktioniert nur im Singlemodus. Oder die Kinder werden in der Schule gemobbt, weil sie aussehen wie Cindy, Mandy und Kevin.
    Und wenn man Unternehmer sein möchte, weil man etwas unternimmt und eine Idee hat, die man umsetzen will – und dann vielleicht noch Verantwortung für andere Mitarbeiter hat – wird’s mit halbtags eher nix.
    Nichtsdestotrotz ist der Ansatz richtig, dass man durch die ständig steigende Produktivität freie Zeit für die Menschen schafft, die man kreativ oder karitativ nutzen sollte.

  2. Christian Lingnau / 15.02.2014 12:29:31 Uhr

    Hi Micha, ja das stelle ich mir auch schwer vor mit Familie und Haus. Aber es müssen ja nicht gleich 20 Stunden weniger sein.

    Ich finde es schon bezeichnend, dass die steigende Produktivität eben nicht zur Entlastung der Menschen führt. Doch wer seine/ihre Arbeitszeit (egal wieviel) reduziert, lebt nicht nur entspannter, sondern schlägt außerdem der Wachstumslogik ein Schnippchen. Denn Bescheidenheit passt einfach nicht dazu. :-)

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