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29.04.2010 - von Jan

neuer Anlauf für die Klima-Kopfpauschale

Ein weiterer Anlauf für ein internationales Klimaabkommen.

Ein Bericht von Rudolf Kipp auf "Reader Edition".

Die Klimakonferenz von Kopenhagen im letzten Dezember kann ohne Übertreibung als völliger Flop bezeichnet werden. Auf ein von vielen Klimawissenschaftlern und Umweltschutzverbänden gefordertes internationales Abkommen zur Reduktion so genannter Treibhausgase, allen voran des CO2, konnten die Länder sich nicht einigen. Es blieb lediglich bei einer vagen Absichtserklärung, die Erde dürfe sich nicht um mehr als 2 Grad erwärmen (Kopenhagen-Accord). Und auch dieses, ehedem von deutschen Klimaforschern ersonnene, 2-Grad-Ziel scheint jetzt von den Politikern abgeschrieben zu werden. Wenn selbst die Kanzlerin der als Klimastreber bekannten Deutschen sich öffentlich davon verabschiedet, dürfte das (stille) internationale Begraben dieser Zielsetzung wohl nur noch eine Formsache sein. Die nächste große Klimakonferenz Ende dieses Jahres wird daher wohl wieder einmal viel Tamtam bringen und ansonsten ohne konkretes Ergebnis zu Ende gehen. Man sieht sich im nächsten Jahr.

Paradigmenwechsel in der deutschen Klimapolitik

Der Wechsel der Marschrichtung in der deutschen Politik kommt einem Paradigmenwechsel gleich. Und man muss kein Prophet sein, um zu folgern, dass damit auch ein Verlust des Einflusses der Klimaforscher auf die Politik in unserem Land einhergehen wird. Am meisten dürfte davon das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) betroffen sein, welches bislang mit Stefan Rahmstorf und Institutsdirektor Hans Joachim Schellnhuber noch zwei der acht Mitglieder des einflussreichen Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) stellt.

Ungeachtet dieser Entwicklung, oder vielleicht gerade deswegen, also um noch einmal eine entscheidende “Duftmarke” zu setzen, hat das PIK jetzt ein Grundsatzpapier herausgegeben, in dem ein völlig neuer Weg vorgestellt wird, der doch noch den erhofften Durchbruch in der Klimapolitik bringen soll. Unter dem Titel “Neue Strategie zur Realisierung des 2°max Klimaziels” präsentieren die Forscher einen Lösungsansatz, den sie “Peak and Trade” nennen und hinter dem sich eine Art Klima-Kopfpauschale verbirgt. Nach den Vorstellungen der Wissenschaftler soll jedem Erdenbürger zunächst ein Kontingent von rund 5 Tonnen CO2 zugesprochen werden. Wird dieses überschritten, muss in einen Topf (eine neu zu schaffende “Weltklimabank”) gezahlt werden, bei Unterschreitung gibt es Geld aus diesem Topf.


Die Amerikaner hätten demnach mit 16,9 Tonnen pro Jahr und Einwohner einen mehr als 3 mal zu hohen Ausstoß, wir Deutschen mit 9,8 Tonnen einen fast doppelt zu hohen. In Westeuropa stehen Schweden und die Schweiz (je 5,6 Tonnen pro Einwohner) und Frankreich (6,3 Tonnen) besonders gut da. Erstere, weil sie sehr viel Strom aus Wasserkraft erzeugen, und letztere wegen der Stromerzeugung aus Kernkraft.

Kopfpauschale als Lockangebot für Schwellen- und Entwicklungsländer

Woher kommt die magische Grenze von rund 5 Tonnen pro Einwohner? Die Autoren der Studie begründen diese mit einem vermutlich im Jahr 2015 erreichten globalen CO2-Ausstoß von 35 Milliarden Tonnen. Und diese Zahl, geteilt durch eine Weltbevölkerung im Jahr 2010 von geschätzten 6,9 Milliarden Menschen, ergibt 5,1 Tonnen pro Erdenbewohner. Vergleicht man die CO2-Emissionen pro Kopf der Länder der Welt (klick auf die Infografik), dann kann einem aber auch eine ganz andere Vermutung kommen.

Das Scheitern der letzten Weltklimakonferenz in Kopenhagen lag zu einem nicht unerheblichen Teil am Widerstand der aufstrebenden Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran Brasilien, China und Indien. Und diese Länder liegen (Brasilien und Indien deutlich) unterhalb der magischen 5,1 Tonnen-Grenze, würden also von der jetzt vorgeschlagenen Regelung profitieren.  Mit diesen Maßnahmen, so könnte man mutmaßen, sollen die abtrünnigen Schwellenländer finanziell für eine Zustimmung geködert werden. Politisch korrekt nennt man das heute wohl “ins Boot holen”.

Kopfpauschale schafft Anreiz zum Bevölkerungswachstum

Profitieren von einer solchen Regelung würden vor allem bevölkerungsreiche Schwellen- und Entwicklungsländer. Je mehr Einwohner und je geringer der Entwicklungsstand, umso mehr Geld ist zu holen. Für solche Länder würde diese Regelung vor allem den Anreiz erhöhen, einen möglichst großen Anteil ihrer Bevölkerung von der Entwicklung auszuschließen, denn dadurch würde deren pro Kopf CO2 Verbrauch nachhaltig auf niedrigem Niveau gehalten werden. Von den Einnahmen, die für diese Länder durch die CO2-Karenz ihrer Bevölkerung generiert würden, bekäme diese wohl eher nichts zu sehen. Wie die Erfahrungen aus den zahlreichen Entwicklungshilfe-Programmen gerade für die ärmsten Länder in Afrika zeigen, fließen solche Gelder entweder in den Militäretat oder landen direkt auf den Schweizer Nummernkonten der Regierungsmitglieder.

[Update]In seinem Artikel in der FAZ beleuchtet Joachim Müller-Jung noch weitere interessante Aspekte des 2°max Konzeptes. Darin ist vorgesehen, dass für

“China und die stärker emittierenden Schwellenländer…zumindest in den Anfangsjahren dieser Strategie – ausdrücklich keine verbindlichen nationalen Emissionsgrenzen festgelegt”

werden.

Die stärker emittierenden Länder werden in das globale Cap and Trade-Brennstoffzertifikatsystem einbezogen, erhalten jedoch individuelle Pro Kopf-Emissionsgrenzen, bei deren Unterschreitung sie Zertifikate verkaufen können (V). Diese Grenzen richten sich nach den eigenen Absichtsbekundungen des jeweiligen Landes und/oder der erwarteten Unterschreitung der CO2-Emissionen bei einer „business-as-usual“-Entwicklung.

Und auch für die USA sind Ausnahmen vorgesehen. Diese soll von der Regelung ausgenommen werden, da die Zwei-Grad-Max-Strategie der gewünschten „marktorientierten Lösung“ Amerikas ohnehin weitgehend entspreche:

Das vorgeschlagene System entspricht weitgehend den US-Präferenzen für effiziente marktorientierte Lösungen im Klimaschutz, zumal die – später nicht ratifizierenden – USA selbst ähnliche marktorientierte Lösungen in dem Kioto Protokoll verankert haben…
Auch die US-Bedingungen werden respektiert: Keine rechtlich bindende nationale Verpflichtungen, keinerlei internationale Detailüberwachung der US-Emissionen.

Welt 27. 04. – Klimaforscher fordern CO2-Höchstmenge pro Kopf
FAZ 28. 04. – Asyl für Klimasünder

Artikel zuerst erschienen im Science Skeptical Blog

Photo Quelle/Copyright: Stefanie Hofschlaeger, via pixelio.de

Dieser Beitrag erschien zuerst auf "Readers Edition". Die Veröffentlichung auf IPAT erfolgte mit freundlicher Genehmigung vom Projekt "Readers Edition" durch CC-Lizenzen.

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